Die 100 türmige Stadt – Familienfest bei Kleebinders in Ingolstadt an der Donau – 2006
Im August feiern wir seit langem wieder einmal unser Familienfest und treffen uns dazu bei meinem Onkel Horsti und meiner Tante Christl Kleebinder in der Gerolfingerstrasse in Ingolstadt. Horsti ist der jüngere Bruder unserer Mutter und lebt im Haus unserer verstorbenen und in der Donau-Stadt aufgewachsenen Großmutter. Ein eher unbekannter Fakt über Ingolstadt ist, dass die Stadt der Geburtsort der Kreatur Frankenstein ist. Dafür hat die englische Schriftstellerin Mary Shelley gesorgt. Sie hat den Frankenstein "erfunden" - in ihrem 1818 erschienenen Roman "Frankenstein oder Der moderne Prometheus“. Shelley lässt den Horror an einem Ort beginnen, der - heute zumindest - idyllischer nicht sein könnte. Das spätbarocke Gebäude der alten Anatomie in Ingolstadt liegt ruhig und würdevoll da. Nur wenige Meter weiter aber wurden vor etwas mehr als 200 Jahren feierlich Leichen seziert, sagt Stadtführerin Maria Pilz. Denn im sogenannten anatomischen Theater der ersten Landesuniversität wurde medizinische Pionierarbeit geleistet: Über die Galerie konnten Medizinstudenten - aber auch Bürger - dabei zusehen, wie im Erdgeschoss bei Geigenmusik der Professor in Frack und Zylinder die Vorschneider anwies, die Körper von Straftätern und Soldaten zu zerlegen. Diese Arbeit in Ingolstadt sprach sich schnell auch über die Landesgrenzen hinweg herum. Nur wenige hatten es bis zu diesem Zeitpunkt gewagt, an toten Menschen herumzuschneiden, zu groß war die Angst vor dem Zorn der Kirche. Und so hörte vielleicht auch Mary Shelley von der Universität - obwohl sie selbst nie Ingolstadt besuchte. Als dann alle Teilnehmer eines Schriftstellerkreises in den Schweizer Bergen im verregneten, kalten Sommer 1816 eine Horrorgeschichte schreiben sollten, wählte die damals 19-jährige Shelley Ingolstadt als Ausgangspunkt. Shelley ließ ihre Figur, Viktor Frankenstein, in Ingolstadt Medizin studieren - und die Idee entwickeln, künstliches Leben zu erschaffen. Ganz so kruselig war es bei unserem Familienfest natürlich nicht ... wir aßen und tranken im Garten und haben uns gefreut, daß wir uns alle wieder einmal treffen konnten. Vom 14. bis zum 18. Jahrhundert war die mittelalterliche Stadt-Umwehrung Ingolstadts ein gewaltiges Bauwerk aus Graben, Wall und Türmen. Im 15. Jahrhundert wurde die Stadterweiterung mit 87 Türmen abgeschlossen; dies brachte der Stadt den Beinamen „Die hunderttürmige Stadt“ ein. Das zeigt, dass diese Mauer damals, wenn nicht ein Alleinstellungsmerkmal, so doch ein Markenzeichen der Stadt war. Ihre halbrunden Türme, die Angriffen besser widerstanden, machten die Stadtmauer zu einer der innovativsten in Bayern. Für viele Stadtmauern wurde sie zum Vorbild, darunter die von Donauwörth, Aichach oder Pappenheim. Die Halbrundtürme waren mit repräsentativen Zinnen ausgestattet und durch Bauschmuck teils individuell gestaltet. Aufwändig ausgeführt war auch der Wehrgang, der auf Bögen und gestuften Konsolen ruhte. Mit der Einebnung der neuzeitlichen Festungsanlagen in napoleonischer Zeit büßte sie durch die Verfüllung des Grabens und die Überdeckung des Walles einen Gutteil ihrer dominanten Erscheinung dauerhaft ein. Unter dem heutigen Straßenniveau ist diese Wallgrabenanlage jedoch weitgehend erhalten geblieben.
- Kleebinder Family, Michael Kamm
Ingolstadt ist eine kreisfreie Großstadt an der Donau in Oberbayern mit mehr als 140 Tsd Einwohnern. Im Großraum leben rund eine halbe Million Menschen. Ingolstadt ist nach München die zweitgrößte Stadt Oberbayerns und nach München, Nürnberg, Augsburg und Regensburg die fünftgrößte Stadt Bayerns. Die Stadt überschritt 1989 die Marke von 100 Tsd Einwohnern und zählt seitdem zu den Großstädten in Deutschland, von denen sie aktuell die am schnellsten Wachsende ist. Ingolstadt ist nach Regensburg die zweitgrößte deutsche Stadt an der Donau. Die Ersterwähnung erfolgte 806. Im späten Mittelalter war die Stadt neben München, Landshut und Straubing eine der Hauptstädte der bayerischen Teilherzogtümer, was sich in der Architektur widerspiegelt. Ingolstadt wurde dann am 13. März 1472 Sitz der ersten Universität in Bayern, die sich später als Zentrum der Gegenreformation profilierte. Hier gründete sich 1776 auch der freidenkerische Illuminatenorden. Für gut 400 Jahre war die Stadt zudem bayerische Landesfestung. Die historische Altstadt ist im Wesentlichen erhalten. In der Stadt existieren zwei Hochschulen. Der Ort ist eines der drei Regionalzentren in Bayern. Die Stadt ist überwiegend vom verarbeitenden Gewerbe, wie etwa dem Automobil- und Maschinenbau, geprägt.
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