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Silvester in der Möhlstrasse – Rückgrat des denkmalgeschützten Ensembles Bogenhausen – 2006

Am So., 31. Dezember 2006

Nachdem Annette und ich am Vorabend noch von Stephanie und Alexander Stecher am Ammersee zum Abendessen eingeladen waren, verbringen wir den Silvester Abend des Jahres 2006 ganz gemütlich zu Haus in der Möhlstrasse. In unserer geliebten Wohnstrasse hatte sich im 19. Jahrhundert noch einmal eine adelig-großbürgerliche Lebenswelt entfaltet. Deren langsamer Niedergang in Kriegen, Inflationen und kulturellen Umbrüchen ist jedoch nicht umkehrbar. Das Quartier war - besonders in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg - ein Zentrum neuen jüdischen Lebens. Bekannt wurde sie auch, weil sich hier in der ersten Nachkriegszeit ein in Deutschland bedeutender Schwarzmarkt entwickelte. Kaum mehr als 800 Meter lang, bildet die Möhlstrasse das Rückgrat des denkmalgeschützten Ensembles Bogenhausen und umfasst 35 Anwesen, zumeist noch großbürgerliche Villen der Erbauerzeit von 1880 bis Ende 1918. Benannt wurde sie um 1895 nach dem Königlichen Hofgärtendirektor Jakob Möhl, der die Pläne für das neue Villenquartier vorlegte. Den Autoren Dr. Willibald Karl und Dr. Gisela Scola ist es zu verdanken, dass die Geschichte der Möhlstraße und ihrer Bewohner noch heute lebendig ist. Sein 1998 herausgegebener Bildband  »Die Möhlstraße. Keine Straße wie jede andere« (Neuauflage 2002) dokumentiert jedes einzelne Anwesen der Straße – oft belegt mit unschätzbarem fotografischem Material. Seine im Rahmen der Münchner Volkshochschule angebotenen Führungen durch diese Straße seien zudem ans Herz gelegt. Hier wird Historie und Kunstgeschichte nicht nur in trockenen Zahlen und Fakten abgerufen, sondern mit zahllosen Anekdoten und Geschichten das Bild von Menschen lebendig vor unsere Augen geführt, die hier ihr Zuhause hatten. Die Möhlstraße ist tatsächlich "keine Straße wie jede andere", drängt sich doch hier in diesem topographisch kleinen Raum weit über das Münchner Lokalkolorit hinausgehende deutsche Historie von über zwei Jahrhunderten zusammen. Wir lieben sie und freuen uns im Rahmen unserer reduzierten Silvesterfeier auf das kommende Jahr in Altbogenhausen.

Mit dabei
  • Annette & Michael Kamm

Das Gebiet rund um die Möhlstraße in Bogenhausen in München entwickelte sich nach Kriegsende zu einem Zentrum jüdischen Lebens, da sich dort viele internationale Hilfsorganisationen ansiedelten, die für die jüdischen Überlebenden und Flüchtlinge (Displaced Persons) erste Anlaufstation waren. Sehr bald entstand auch ein reger Schwarzmarkt, der einer der bekanntesten und langlebigsten Schwarzmärkte im Deutschland der Nachkriegszeit werden sollte und sich dabei zur Legende entwickelte. Viel ihrer Berühmtheit verdankte die mythenumrankte Möhlstraße der Münchner Polizei, die mit aller Härte gegen den Schwarzmarkt vorging.

Als sich der aus Brünn stammende Maschinenfabrikant Friedrich Wannieck (1838–1919) aus dem aktiven Geschäftsleben zurückzog, verlegte er seinen Wohnsitz von Mähren nach München. Dazu erwarb er am 4. Januar 1905 von der Eigentümergemeinschaft Georg von Grundherr, Josef Billmann und Otto Perutz einen 1630 Quadratmeter großen Bauplatz, der von der Möhlstraße bis zur Ismaninger Straße reichte. Darauf ließ er sich im Verlauf des Jahres 1906 nach Plänen des Architekten Aloys Ludwig eine Familienvilla errichten, das mit Keller und Mansarde fünf Stockwerke umfasste und von einem Dachreiter-Turmzimmer auf dem First gekrönt war.

Die aufwendigen Kunststein-Arbeiten an den Tür- und Fensterlaibungen, an Firsten und Balkonbrüstungen wurden von der Firma Leonhard Moll mit Sitz in der Montgelasstraße 15 ausgeführt. Die Villa wurde im Mai 1907 fertig gestellt und in den letzten Wochen des zweiten Weltkriegs komplett zerbombt. Eine Besonderheit der Bauzeit war sicherlich, dass jede Bauphase fotografisch festgehalten wurde. Mit der Familie Moll traten die folgenden Generationen der Wanniecks durch Verheiratung in familiäre Beziehungen.

Das ehemalige Villen-Prunkstück der Möhlstraße wurde 1933 das erste Mal umgebaut und ist nach Zukauf und Einbeziehung des Flurstücks der ehemaligen Nachbar-Teilvilla Möhlstraße Nr. 30a im Jahr 1963 durch den den Bauunternehmer Karl Moll als neuen Besitzer endgültig einem Neubau gewichen. Dessen Anlage und Baukörper knüpfte an die historischen Vorbilder an und es entstand ein mäßig modernes und in das Straßenbild eingepasstes Villenensemble, das heute bereits in vierter Generation im Besitz der Familie Wannieck-Moll ist.

Fehler entdeckt, Änderungen & Ergänzungen gewünscht sowie eigene Photos zur Vervollständigung verfügbar? Bitte gerne per Mail an Michael@Kamm.info.