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Voll in die Hose gegangen – Abgesang auf Ploucquet in Ningbo – 2010

Von Di., 16. November 2010 bis Mi., 17. November 2010

In November stand für mich der Antrittsbesuch bei unserer chinesischen Tochtergesellschaft "Ploucquet Textiles Ningbo" auf dem Programm. Die Hosenbundproduktion befand sich in Ningbo, einer Küstenstadt in der ostchinesischen Provinz Zhejiang mit über 9 Millionen Einwohnern. Im Jahr 2009 war man bereits in der Stadt aus einem uralten Fabrikgebäude auf ein neues Gelände gezogen, dass auch nicht gerade repräsentativ war. Chinesischer Industrie-Muff pur. Das passte zur Historie, denn nach der Schließung des Heidenheimer Ploucquet Werks wurde ein Großteil des damals bereits schon schrottreifen Maschinenparks abgebaut, eingepackt und per Container nach Ningbo gebracht. Ziel war es, dort ein chinesisches Standbein aufzubauen. Trotz diverser Krücken hielt es leider nicht. Die Vergammelung des Standortes war aber nicht nur äusserer Natur. Die Mitarbeiter:Innen waren alles andere als intrinsisch motiviert. Wir mussten Umsatzrückgänge einstecken und auch noch einen Wettbewerber aus den eigenen Reihen verkraften. Unser Mitgesellschafter - Schwiegersohn des Bürgermeisters von Ningbo und damit vergleichsweise mit der Machtfülle eines deutschen Ministerpräsidenten ausgestattet - fuhr mit einer eigenen Hosenbundproduktion ein Parallel-Geschäft - für unsere Begriffe nicht die Art wie man gemeinsames Business aufbaut, aber wir hatten keine Chance, dagegen vorzugehen. Michael Foudil - ein smarter, gewiefter Franzose, der die Geschäfte vor Ort leitete, hatte es mittlerweile auch faustdick hinter den Ohren. Das biblische Gesetz hat er einfach umgedreht und es für sich passend gemacht. "Nehmen ist seliger denn Geben". Das klang eindeutig besser in seinen Ohren. Zum Thema Eigentum hatten die Angestellten ohnehin einen seltsamen Zugang. Es wurde geklaut und eingesteckt, was nicht niet- und nagelfest war. Wir hatten bereits alle Räume mit Kameras überwacht - in Deutschland nicht auszudenken. So richtig effektiv war es jedoch nicht. Alles in allem war ich mit einer sehr entmutigenden Szenerie konfrontiert. Nach einigen Anläufen sahen wir keine Chance mehr auf ein gewinnbringendes Business und wickelten das Unternehmen ab. Glücklicherweise konnten wir noch vorhandene Kapitalrücklagen zum Hongkonger Schwesterunternehmen verlagen, sonst hätten auch diese sich noch Luft aufgelöst. Ningbo heisst übersetzt "ruhige Welle". Das war wohl das Arbeitscredo für unsere Mitarbeiter:Innen. Die Tristesse der chinesischen Millionenmetropole hat auf der Reise dann noch ihr Übriges getan. Good to be home again!

Mit dabei
  • Team Ningbo mit Michel Foudil und Michael Kamm

Willkommens-Lettern auf chinesisch. Schön geht anders!

So wie der Aussenzustand der Gebäude war auch die Einstellung der Mitarbeiter:Innen. Alles egal...

Grau in grau - Ningbo in seiner Industriepracht. Die Stadt hat eine 7000jährige Geschichte, die man hier leider nicht spürt. In den 1980er Jahren wurde ein Flughafen errichtet. Ningbo ist außerdem ein wichtiger Industriestandort, vor allem für die Chemie- und Textilindustrie, aber auch für die Photovoltaikbranche. Ningbo ist eine der Pilotstädte der Wettbewerbs- und Industriestrategie Made in China 2025.

Das Rohmaterial-Lager sah noch ordentlich aus ... obwohl man auf das Aufstellen von Regalen komplett verzichtet hat. Ob bei dieser chaotischen Lagerhaltung da das ein oder andere Paket mal fehlt merkt ja eh keiner

Schwere Maschinen und lange Vinyl-Gänge. Das was wir so selbstverständlich auf unseren Hüften oder in der Taille tragen, hat hier seinen Anfang genommen

Air conditioning à la chinoise. Die Textilfasern hatte man dann am Ende des Arbeitstages gratis im Haar

Die gute alte Pfaff machts möglich. So eine Hosenbundproduktion ist trotz maschineller Unterstützung immer noch jede Menge Handarbeit

Reliquien aus der schwäbischen Firmen Heimat. Was man im Zuge der Fabrikschliessung in Heidenheim weggeworfen hätte, wurde hier nochmal zum Leben erweckt. Es war zwar nur ein kurzes Aufbäumen, aber immerhin...

Verrostet, aber voll funktionsfähig. 1862 konstruierte Michael Pfaff seine erste Nähmaschine und gründete das Unternehmen in Kaiserslautern. Dort wurde in 1935 bereits die 3millionste Nähmaschine hergestellt. Nach einer Fusionierung mit KSL steht Pfaff heute für Industriesysteme

Wer soll da bitte noch durchsteigen? Keiner hatte Lust, sich dem Chaos anzunehmen

In der "Spy" Zentrale wurden die Räume und damit auch die Aktivitäten der Mitarbeiter:Innen überwacht. Für Chinesen nichts aussergewöhnliches

Das war eher nach meinem Geschmack. Übersichtlich, ordentlich und sauber. Im Showroom hängen die Bestandteile der Hosenbünde, die so manch menschliche Bauchlast abfedern müssen

Ziemlich beengt, aber dafür lichtdurchflutet. Auch das hatte wohl keine erhellende Wirkung auf unser local staff

Der französische Chef Michel war mal wieder abwesend und organisierte seine lukrativen Parallel-Geschäfte

Ausblick auf den Beton-Dschungel und den Smog - da griff man schon damals automatisch zur Mund-Nasen-Maske

Bund bezeichnet in der Textilkunde den Taillenabschluss bei Hosen (Hosenbund) und Röcken (Rockbund). Der Bund kann sowohl angenäht bzw. angesetzt wie auch angeschnitten sein. Bei einem angesetzten Bund wird die Naht Bundnaht genannt. Hierbei wird ein zugeschnittener Bundstreifen an Vorder- oder Hinterhose bzw. Vorder- oder Hinterrock angesetzt. Beim angeschnittenen Bund wird die Breite beim Zuschnitt berücksichtigt, sodass die Bundnaht entfällt. Ebenso ist eine Kombination aus beiden Verfahren möglich.

Fehler entdeckt, Änderungen & Ergänzungen gewünscht sowie eigene Photos zur Vervollständigung verfügbar? Bitte gerne per Mail an Michael@Kamm.info.